
Samsāra
Indien 2024, 4‘24‘‘
Regie und Choreografie: Anuraj Rajendran
Synopsis
Zwei junge Männer in einer Großstadt, zwei Tänzer in einer Unterführung, im Markt, am Straßenrand. Mal einzeln, mal eng beieinander, in Berührung. Sie gehen nicht gerade und nicht vorwärts wie alle anderen, sondern scheinen aus der Form geraten, schief, die Beine eiern, die Körper verbiegen und verzerren sich. Manchmal schaut ihnen jemand zu. Die meisten eilen vorbei. Die Welt rotiert. Das alte Sanskrit-Wort Saṃsāra bedeutet Welt und Wandern und meint somit auch das Konzept vom Kreislauf des Lebens, genauer: von Leben, Sterben und Wiedergeburt, das alle Lebewesen betrifft. Oder profaner: ständig im Kreis herumzulaufen, nicht von der Stelle zu kommen.

Effetá
Spanien 2026, 7′
Regie: Roger Bayerri, Jacob Gómez
Choreografie: Jacob Gómez
Synopsis
“Effetá” bedeutet “öffne Dich!“. Es meint einen Ritus in religiösen Traditionen. Er wird hier in eine getanzte Liturgie von Frauen verwandelt. Zuwendung und Zärtlichkeit treiben die Bewegungen an. Schleier, Tränen und Gesten stürzen, zerbrechen, so werden sie befreit aus der Unterdrückung. Die Gruppe explodiert, ihre Stimmen, ihr Atem, Küsse und Schreie schneiden durch die Stille. Sie kollidieren, drängen zurück, wehren sich gegen Ablehnung, brechen sie. Durch diese Begegnung tritt die Stärke des Kollektivs hervor: Diese Kraft beharrt, kümmert sich, bleibt.

Succumb to Surroundings
Frankreich 2026, 3’55’’
Regie: Victor Neves
Choreografie: Luke Farley
Synopsis
Ein Tanz-Thriller mit einem Hitchcock-ähnlichen Auftakt, der mit Absurdität und einer gewissen Art von Humor arbeitet. Dabei gibt es Bezüge zu älteren Tanzfilmen wie The Cost of Living von DV8. Eingebaut ist auch ein Gedicht. Wie alles andere wird es fragmentiert, der Sinn zerhackt, die Wahrnehmungen zerfleddert, so wie das Gefühl, das zwischen Lebensabschnitten aufquillt, bei der Konfrontation mit sich selbst.

Syntax in Space
Deutschland 2024, 14‘50‘‘
Regie: Fabiane Kemmann
Choreografie: Lutz Förster, Pierre Geagea, Anna Seymour
Synopsis
Ein Lebensrückblick vom Backstage-Bereich eines Theaters aus. In einer verlassenen Stadt. Ein Mann geht auf sich selbst zu, wandert in den Raum seines Traums und seiner Erinnerungen hinein. Wandert in diese Stadt, durch das Land, beschwört das Wachwerden. Lutz Förster, jahrelang Tänzer bei Pina Bausch, ist der Protagonist dieser Vorstellungen. Er trifft auf zwei junge Tänzer, darunter Pierre Geagea, der taub ist. Bewegte Bilder, Bewegung, Literatur (Heiner Müller, Franz Kafka, Fabiane Kemmann) oder: gesprochene Sprache, Gebärdensprache und weitere Körper-Sprachen. Widersprüche und Begegnungen.

Carmen
Spanien 2025, 4‘37‘‘
Regie: Andrew Margetson
Choreografie: Carmen Aviles
Synopsis
„Die Straße gehört nicht denen, die darauf gehen, sondern dem Sand, der jede Spur verschluckt“, heißt es zu Beginn des Films. In ihm geht es also um Gedächtnis, wie es über Land wandert, durch Architekturen und im Innern von Körpern. In der Stadt Zaria trifft die Wüste auf jahrhundertealte Geschichte. Nomadische Rhythmen werden verwoben mit verkörperter Reflektion. Gehen, Tragen, die Gesten von Migration, dazu die stillen Archive, die sich in Narben, Reflexen, Gebetshaltungen und täglichem Überleben zeigen. Die Mauern wiederum erinnern (sich) an Reiche, die Moscheen an Devotion, Ruinen an Kolonialzeiten.

Memory in transit
Nigeria 2025, 5‘
Regie und Choreografie: Femi Adebajo
Synopsis
Auf der Halde Beckstraße, im Herzen des Ruhrgebiets, stößt eine unbeschwerte Tänzerin auf einen Arbeitsanzug. Umgeben von der rauen Industrielandschaft taucht sie in das Leben des ehemaligen Arbeiters ein und erfindet seine Geschichte neu – zwischen Fantasie und Bewegung. Der Tanz erzählt vom Wandel und inneren Ungleichgewicht, oszillierend zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Madeline (I am not)
Kanada 2025, 1‘
Regie und Choreografie: Allison Beda
Synopsis
Ein lustig subversives Punkrock-Tanz-Film-Gedicht über Identität und Kontakt (oder dessen Fehlen). Es spielt in Krisenzeiten und dreht unendliche Schlaufen. Der Film ist eine Interpretation des Gedichts über eine Frau, „Madeline“, von Gherasim Luca, übersetzt von Michael Tweed. Er ist auch (oder ist kein) Porträt der Künstlerin Allison Beda.
Eine Tänzerin, die keine ist / Eine Choreografie, die nie war / Dokument eines Spektakels im Guerilla-Stil, das es tatsächlich gab, live, auf der Straße, aber auch nicht / Ein Gedicht über eine Frau, als Selbstporträt einer anderen.

West
Niederlande 2025, 11‘40‘‘
Regie: Thomas Bos
Choreografie: Erik Bos
Synopsis
Männer in Bewegung: auf der Straße, beim Fahren, beim Rennen in der Wüste und beim Tanzen und Spaßen. Eine Gruppe Freunde begibt sich auf einen Motorradtrip von den Niederlanden nach Ghana. Raus aus dem Alltag, huch, alles so erstaunlich. Einer der fünf knarzt die kurze Erzählung im Off. Ob im Voraus geplant oder nicht, die Kamera wird draufgehalten (sie schaut auch mal tourimäßig rechts und links), die Freunde mögen Unisono und Sprünge, und daraus wurde der neueste Film des Breakdance-Kollektivs 155 (eenvijfvijf).

Ghost Impressions
Spanien 2025, 10’
Regie: Xoán Fernández Diz
Choreografie: Pataghullos
Synopsis
Ein harter Sportplatzboden wird bereitet für ein Vergnügen ganz anderer Art: auf Socken. Gefilmt wird das wie nebenbei, in Ausschnitten, von oben, von unten in Kniehöhe. Später flackert das. Dann wird auf diesem Boden wirklich getanzt, draußen stehen die Musiker:innen, an der Seite die Zuschauer:innen, und der Tanz macht Spuren, schwarz auf weiß. Es ist traditioneller Tanz der Region, leichtfüßig, paarweise, in den schließlich alle sich einfügen. Die „Geister“ des Titels sind vielleicht die Tanzschritte oder die Tanzfreude, die aus einer alten Zeit in diese jungen Leute fahren.
